Teil 2 von 2
Wir sind immer noch im Jahre 1997 in Italien. Das Wetter ist heiß und wir befinden uns in einem “Hotelzimmer”. Es ist bestimmt schon dem einen oder anderen aufgefallen, dass ich in diesen Texten häufig Anführungszeichen benutze. Wenn man die Dramaturgie noch etwas ausschmücken möchte, dann kann man ja einfach mal die ” durch ein Hihi oder Höhö ersetzen. dann kommt die Geschichte noch ein ganzes Stück besser rüber. Doch nun zurück in die Gegend der Venezianer.
Im letzten Teil habe ich recht ausführlich über die Gegebenheiten in unserem “Zimmer” geschrieben. Doch wir waren ja nicht alleine. Da waren noch andere “Zimmer” mit noch ganz anderen, zum Teil sogar noch viel witzigeren Eigenschaften. Zum Beispiel war da ein Zimmer in welchem es nachts immer sehr kalt war und der Wind nur so durchpfiff. Das lag höchstwahrscheinlich an der fehlenden Fensterscheibe des “Gitterfensters” Ich weiß nicht, wie man so ein Fenster mit 4 oder mehr Unterteilungen nennt, aber dort waren es neun Unterteilungen mit nur 8 Scheiben. Jetzt könnte man als Notlösung natürlich das vorhandene Rollo runter lassen. Jedoch wurde bereits am ersten Abend die Halterung des Rollladens aus der Wand gerissen. Ein großes Loch prangte nun dort wo eigentlich sonst das Ziehband drin verschluckt wird. Ein anderes Badezimmer hatte es noch besser gemeint mit den sanitären Anlagen. Dort wurde der Duschkopf nicht wie bei uns gegenüber der Toilette angebracht, sondern direkt darüber, so dass es eigentlich gar nicht anders möglich war als im sitzen zu duschen. Zu allem Überfluss fiel dann auch noch eines Morgens der Duschkopf ab und ein blankes Rohr spuckte nun Wasser auf Befehl. Wäre dieses auch noch kaputt gegangen, dann wäre wahrscheinlich morgens immer ein Bediensteter gekommen und hätte die Leute entweder wie im Gefängnis mit ‘nem Schlauch abgespritzt oder einfach einen 10 Liter Eimer mit kalten Wasser vor die Tür gestellt.
Klingelingeling! Es gibt was zu futtern. Doch was auf den ersten Blick wie leckere Nudeln aussah, war in Wirklichkeit so schlecht, dass selbst der ärmste Penner dankend abgewunken hätte. Dieser rote Nudelpamps war nämlich kalt, mit harten Erbsen versehen und ab und an fanden Leute im Essen Dinge, die selbst der abgefahrenste Koch nicht einmal seinem tollwütigen Hund vorsetzen würde. Man mag mich pingelig schimpfen, aber Fingernägel, Drahtstücke und Krebsscheren haben in meinen Nudeln ganz einfach nichts verloren. Echt wahr? Ja! Gott sei Dank befand sich ein kleiner Pizzaimbiss direkt den Weg runter. der hat in der Woche ein wirklich gutes Geschäft gemacht. Schon weil wir am zweiten Tag gehofft haben, dass es nun etwas anderes zu Abend geben müsste. Weit gefehlt. Es gab die reichlichen Reste vom Vortage. So wie wir morgens die Brötchen vom Vortag zum Frühstück bekamen, so bekamen wir Abends die Nudeln vom Vorabend. Mit einem gewissen Galgenhumor haben meine Beisitzer und ich uns das Aussehen des Koches ausgemalt und uns vorgestellt, dass dieser bestimmt einen langen, schwarzen, zotteligen Almöhi-Bart hat und dieser immer wieder ohne Absicht in die Tomatensauce getunkt wurde, wenn sich der Koch über seine brodelnen Fleischtöpfe mit Schlangenfraß beugt. Dann kratzt sich dieser an seinem ungewaschenen Kopf und lauter Schuppen geben der Tomatenpampe den richtigen Pepp. Eines Abends gab es dann mal ausnahmsweise nicht nur Nudeln, sondern auch noch ein großes halbgeschmolzenes Eis für alle. Ich sag euch: wenn man sich einige Tage in einem Hotel von Abfällen ernährt, dann ist das Gewöhnungssache, aber dann von diesen Lebensmittelverbrechern auch noch ein salmonellenvergiftetes Eis in die Germanenwampe drücken? Nenene! Die meisten haben dann das Eis freundlich schmelzen lassen und haben sich dann wieder bei dem Pizza-Onkel gegenüber satt gefuttert. In den letzten Tagen haben die Leute von unserem Zimmer diese Nudelabartigkeiten gleich übergangen und sind beim gemeinsamen Essen gar nicht erst aufgetaucht, um sich nicht gleich den Appetit verderben zu lassen. Stattdessen liefen wir stolz wie Oskar und laut lachend an den traurigen Nudelfans vorbei und gingen gleich zu unserem Onkel von gegenüber, da gleich 3fach bestellt und pizzaschlemmend an den vergifteten Mitschülern vorbei zurück in unsere Zelle.
Die Gästebespaßung: Ein Gast in dieser Bude soll aber, wenn er nicht gerade verfallende Sehenswürdigkeiten ansieht, nicht nur sinnlos im Zimmer sitzen. Er soll seinen Aufenthalt in SingSing-Light auch genießen. Zum allgemeinen Amüsement wurde extra ein großer Billardtisch und zwei Daddelautomaten im Rauchersalon aufgestellt. Natürlich war auch hier ein Haken, sonst würde ich es ja nicht schreiben. Also erstmal hatte der Billardtisch eine mehr als ausgefranste Oberfläche und dazu war ein Bein des Tisches zu kurz, so dass die Kugeln eher chaotisch über den Tisch flitzten, um dann immer in der selben abgesenkten Ecke zu landen, anstatt mathematisch korrekt Aktion und Reaktion widerspiegelten. Waren da nicht noch zwei Daddelautomaten? Tja, diese beiden Automaten, die gut und gerne aus den Hintergrundkulissen des ersten Karate Kid Film von 1984 stammten könnten hatten einen entscheidenen Nachteil. Sie waren nicht nur ohne Stromversorgung, sondern auch noch defekt. Halleluja. Wenigstens rauchen konnte man in diesem Abstellraum genannt Rauchersalon oder Besucherlounge. Nachträglich faällt mir noch ein, dass da noch eine ominöse Tür mit Milchglasscheibe war. Wir durften die Tür nicht öffnen, aber wir beobachteten, dass immer wieder ein Komplize vom Personal da immer wieder drin verschwand und dann wieder raus kam. während die Tür offen war konnten wir einen kurzen Blick in den mysteriösen Raum dahinter erhaschen. Ein reichlich dunkler Raum mit vielen Tischen und umgedrehten Stühlen darauf. Eigentlich unspektakulär, aber wenn man eigentlich alle Räume eines Hauses kennt, dann ist da so ein Zimmer in das man nicht mal rein sehen darf natürlich verlockend. Man vermutet ja immer gleich spektakuläres dahinter. Bauen die da eine Atombombe? Steht da ein geheimes Labor hinter? Werden da Menschen gefoltert? Nö. Nur ‘nen oller, dunkler, ungenutzter Speisesaal.
Was passierte sonst so?
Eigentlich ganz witzige Sachen, die sonst nie wieder in meiner näheren Umgebung passiert sind. Ein Abend spielten wir gerade unser neu entdecktes Saufspiel Kingston, da meldete sich ein vollkommen betrunkener Mitschüler (nennen wir ihn mal R.) ab, weil er einfach nicht mehr aufgrund seines hohen Pegels mitspielen konnte. Etwas später entdeckte dann ein Anderer den R. auf dem Flur an einer Wand sitzend und veranlasste noch 2 weitere Kumpanen dazu ihn ins Badezimmer unter die Dusche zu schleppen. Gesagt – getan. Sein Finder wollte ihn nun wieder etwas aufnüchtern und stellte die Dusche ein. Da es aber bereits Nacht war, kam nur kaltes Wasser aus der Wand und regnete den vollbekleideten Volltrunkenen nass. Also auf volle Hitze aufgedreht und abgewartet. Keine Temperaturveränderung. Also haben wir ihn dann erst einmal unter der kalten Dusche sitzen gelassen.
Wir spielten noch so einige Runden Kingston und nach vielleicht 1 1/2 Stunden bemerkten wir dass die Sicht immer schlechter wurde. Waren wir schon so benebelt?. Moment! Nein, die Nebelschwaden kommen nicht vom Kopf her, sondern aus dem Bad! Aufgesprungen und nachkontrollieren was der vergessene Tropf da so macht. R. saß immer noch wie vorher abgelagert in der Dusche. Nur dass er nicht mehr unter einem erfrischendem Schauer hockte, sondern unter kochender Lava! Auauau! Wir zerrten den krebsroten und immer noch schlafenden Jungen dann in sein Bett und beim morgendlichen Frühstück haben wir einen selten fertig und gargekocht aussehenden Kerl genießen können. Wahrscheinlich konnte er auch nur wieder so weit nüchtern sein, um morgens aufstehen zu können, weil er ja noch spät Nachts seinem Bett und der Wand seine Speisekarte rückwärts faxen musste. Strafe muss sein.
Eines Abends wollte unser Klassenlehrer dann noch eine Sondertour nach Rimini anbieten. Allerdings sei da nur Platz für noch 5 Personen und die Fahrt würde bestimmt lange dauern und nicht sonderlich aufregend werden. Von wegen mein lieber Freund. Jeder kennt inzwischen die RTL2 Berichte im Fernsehen von Rimini bei Nacht. Die fliegt die Kuh und werden die Puppen tanzen gelassen! Unser Lehrer wusste genau, dass wir von den Tagesfahrten ziemlich fertig waren und uns die Nächte mit allem anderen nur nicht mit Schlafen vertrieben. Nun wollte dieser mal alleine auf die Piste und die Korken knallen lassen. Weit gefehlt! Denn unser kulturinteressierte Russe, der auch nie Alkohol trank und deswegen immer fit war, wollte unbedingt mit. Also musste unser Lehrer mit unserem Prododogy-Russen nach Rimini fahren und da einen auf Kultur machen. Spät Abends bis in die Nacht. Als sie dann wieder zurück waren musste unser Russe berichten, dass unser Lehrer dauernd versucht hat ihn abzuschütteln und ihn irgendwo hat warten zu lassen, damit dieser seinem Vergnügungen nachgehen konnte. Interessant, Interessant. War die mitfahrende Begleitlehrerin harmloser? Ja. Sie ist nur einmal vom Weinrausch von der Sitzbank gefallen. Har!
Ein weiteres im Gedächtnis gebliebenes Ereignis war als eines Abends sich T. es auf dem unteren Bett des künstlichen Stapelbettes bequem machte. Als dann A. dann in sein oberes Bett schwungvoll kletterte rutschte die gesamte Konstruktion mit einem Ruck gefährlich auseinander. Keiner von beiden mochte sich noch bewegen, da die Klebebänder nachgelassen hatten und nun drohte das obere Bett mit Insassen auf den Untenliegenden zu krachen. Eiligst leisteten wir anderen Mitinsassen erste Hilfe und hielten das obere Bett fest, damit T. sich aus seiner bedrohlichen Situation befreien konnte. Uns blieb nichts anderes übrig als die Betten wieder in ihre Ausgangstellung zu bringen und den beiden den Tipp zu geben, dass sie beim Schlaf nicht allzu sehr bewegen sollten. Erst am nächsten Tag konnten wir etwas Tape auftreiben, um die wackelige Todesfalle zu entschärfen. Die Nacht hatte T. aber bestimmt nicht gut geschlafen, da er versuchte in einem anderen Bett unterzukommen, er dort aber rausflog und sich dann doch wieder unter dem Damoklesschwert zur Ruhe betten musste.
Eine weitaus lustigere Situation ergab sich ebenfalls mit A. An einem freien Nachmittag saßen D. und ich auf unserem Doppelbett und D. daddelte Gameboy, während ich mich um die Musikanlage kümmerte. F. lag in seinem Pornobett und T. wuselte auf seinem unterem Bett. Da klopfte es an die Tür und P. (ein ganz harmloses Mädchen aus unserer Klasse) steckte den Kopf in den Raum fragte uns irgendetwas Belangloses. Jetzt ergab sich die Konstellation der Götter. Ein heiliger Moment, den ich wohl nie mehr vergessen werde und auch nicht vergessen will: Während P. sich mit T. unterhielt flog die Badezimmertür auf und ein triefend nasser A. stand mit einem Handtuch in der Tür. Leider hatte er das Handtuch nicht um seine Hüften sondern hob es wie eine Flagge in seiner Hand in einer Siegerpose und rief ein: “Heeey Leute!” Mein Blick starrte auf den Splitterfasernackten rüber zu P., dann wieder zu A. Dieser bemerkte innerhalb einer Sekunde, dass irgendetwas nicht stimmte mit seinem Auftritt. Er wandte seinen Blick zur Seite und erblickte mit schreckensbleichen Gesicht P, die die Situation noch nicht ganz mitbekam. Flugs huschte das Handtuch über die Fortpflanzungorgane und ein gebückter A. knallte die Badezimmertür wieder vor sich zu. Nicht nur die Situation war göttlich, sondern auch der Sitzplatz den ich dabei inne hatte, denn direkt vor mir war die Badezimmertür und nur ein Kopfdrehen von vielleicht 45° stand P. in der Tür. A. kam aus der Dusche und blickte also zuerst auf uns auf dem Bett Sitzenden. P. stand allerdings ca. 80° links von ihm, dazu noch hinter dem Stapelbett und somit ausserhalb der Sichtlinie von A. Allerdings hatte P. einen guten Blick zwischen Oberbett und Unterbett auf die mittlere Körperregion von A. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so gelacht. Wir spielten diese Szene immer und immer wieder für die anderen nach. Nur A. konnte nicht so richtig ausgiebig darüber lachen.
Ich muss die Tagesausflüge eigentlich nicht weiter schildern, da sie eigentlich weitgehenst normal verliefen, das ganze hier zu dokumentarisch werden würde und nicht so sehr unterhaltsam waren wie die nach hinten losgegangene Lässigkeit von A.
Also: Unsere 6-er Gruppe verirrte sich im schönen, sonnigen Venedig und konnten uns nur an der Sonne orientieren. Dort kaufte ich von einem ortsansässigen Betrüger ein schiefbedrucktes T-Shirt.
In Florenz staunten wir über rektalen Fertigkeiten eines Ferkels, dass eine öffentliche Toilette so kunstvoll und kreativ an den WÄNDEN mit seinem innersten verzierte.
Über die Fahrt nach Ravenna kann ich nicht berichten, da ich aufgrund einer leichten Lebensmittelvergiftung flachlag und die Zeit mit anderen Zurückgebliebenen vertrödelte (Nicht geistig zurückgeblieben, sondern so komplett im Hotel eben).
In San Marino hat’s geregnet und die hiesigen Waffendealer drehten uns Faustmesser, Teleskopschlagstöcke und illegale Airguns an, da die anderen Souvenirs wie Gedenkmünzen, Kleinkunst und Nippes einfach zu teuer und die neonfarbenen 1000 Lire Plastikregenmäntel (1000 ITL entsprechen 0,51646 EUR) einfach zu billig und hässlich waren.
Um mal die Woche vor dem geistigen Auge passieren zu lassen, gebe ich mal ein paar Stichwörter die dem Leser helfen sollen das Chaos zu verstehen:
Rutschpartien auf dem Treppengeländer, rausgerissene Waschbecken, Smack my Bitch up Gesangskontests vor offenen Fenster, eine in einem Duschkopf eingearbeitete Sardelle, nächtliche Ausbrüche aus dem Hotel, Wettrennen auf 2 Personenrädern, demontierte Schilder, Martini, zerkloppte Möbel, Löcher in den Wänden, ungründliche Kontrolleure suchen in einem Zimmer mit gut einem Dutzend Betrunkener erfolglos nach Alkohol, Am Balkon im dritten Stock hängen, mittelmäßig vorgetragene Passagen aus Romeo und Julia, ein Haufen Koblenzer Jungs und Deerns, Schießereien zwischen Unserem und einem benachbarten Hotel, Cola mit Gin, heimliche Gespräche auf verschlossenen Toiletten, zerfetzte Strandliegen, Nächte am Strand mit Mondschein und rieselnden Sand, die Guardians!, einem 1.000.000.000 $ Papierflieger, einem Auftauen mit anschließender Selbsterkenntnis und vieles mehr.
Als wir dann Hotel aus dem Hotel kamen um den Bus mit Richtung Heimat und Zivilisation zu besetzen, sah es bestimmt so aus wie in der frühen Szene von From Dusk till Dawn als die beiden Gecko Brüder die brennende und explodierende Tankstelle verließen. (In der geschnittenen Fassung ist es die erste Szene. In der uncut Version kommt sie ein ganzes Stück später.) Wir verließen also dieses Trainingslager für zukünftige Gefängnisinsassen oder Billigaltersheimbewohner und fuhren wieder mit einem viel zu müden Busfahrer gen Norden. Da hörte ich dann ganz viel das Lied “Narayan” vom Prodigyalbum, weil das so ziemlich das einzige Entspannende war, dass in den letzten 7 Chaostagen passiert ist und ich konnte nun auch rückblickend ein bisschen den Spaß verstehen den die Mongolen, Wandalen oder Wikinger hatten als diese in fremden Ländern plünderten und brandschatzten.
Hach war das eine schöne Zeit. Eine schöne Zeit in welcher mein Fat of the Land Album gespielt wurde wie nie wieder danach.