Mahlzeit allerseits!
Eine neue Kategorie ist heute entstanden. Sie lautet: „Ich erzähl jetzt mal von früher, weil das kann ich ja ganz gut…“ Das ist nen super Einsteiger, wenn man was von damals oder eben früher erzählt. Es hat so ein wenig was von dem ewigen „Ja, Hallo erstmal. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es schon wussten, aber…“ von Rüdiger Hoffmann als er noch witzig war.
Mit meinem fortgeschrittenen Alter, aber immer noch mopsfidel und guter Dinge, kann ich ja schon von früher erzählen, weil es ja auch inzwischen mehr als ne ganze Dekade zwischen mir und den jüngsten Fröschen, die ich als Freunde oder gar Verwandte bezeichne liegt. Ich kann natürlich keine Geschichten vom Kriege zum besten geben und auch nicht von den alten Kameraden berichten. Ich habe auch keine Hänse, Gustave oder Wilhelme in meinem näheren Freundeskreis, obwohl mir gerade das Wort Gustave ins Auge springt. Klingt irgendwie wie ein Begriff aus der Musik.
Doch zurück in die graue Vergangenheit und dem Beginn der Geschichte: „Wir haben keine gute Musik im In- und Ausland I“
Anno Domini 1990
Ich war noch auf der Grundschule in der 4. Klasse und sollten zum Abschluss noch einmal Sylt unsicher machen. Wir waren eine Klasse aus 5 Jungs und mindestens drei mal so vielen Mädchen. Was nicht gerade so schön war, denn in dem Alter sind Mädchen aus der Sicht von Jungs einfach nur doof. Doch das schweißte unsere kleine Jungsgemeinschaft noch viel mehr zusammen. Wir waren der schmuddelige Patrick, der Torsten mit den Borsten, der Kasper-Jan, der sportliche Christian und der stets mit den Gedanken woandersseiende ich. Ich kann mich eigentlich wirklich nur ganz vage an die Klassenfahrt erinnern, weil ich auch so ziemlich alles andere aus der Zeit verdrängt habe. Die Zeit in der Grundschule war nämlich nicht nur aufgrund des Mädchenüberschusses unschön, sondern auch durch die Tatsache, dass jeder irgendwie Probleme mit der Klassenlehrerin hatte. Das war wirklich kein Zuckerschlecken mit der. Wenn jemand z.B. in Sport nicht mitmachen wollte, weil dieser jener vielleicht Angst hatte vor dem Kastenspringen oder kein Seilspringen konnte, dann wurde dieser in die Ecke der Sporthalle gestellt und alle musste dann mit dem Finger auf den selben zeigen und dann auslachen. Den Rest der Stunde durfte der arme Tropf dann im geschlossenen Geräteschuppen verbringen. So war das bei uns! Käpt’n Ahab und Käpt’n Bligh von der Bounty in einer Person durfte uns durch die Schule prügeln. Sir Winston Churchill prophezeite einst etwas von Blut, Schweiß und Tränen. Bei uns traf sein Fluch dann ein. Doch zurück zur lustigen Klassenfahrt. Tagsüber durften wir lange Fußmärsche zurücklegen. Wir sahen wahrscheinlich aus wie die Zwangarbeiter aus dem Film „Die Brücke am Kwai“ nur eben mit Gummistiefeln und kleiner. Abends wurden dann Brettspiele wie „Wer ist es?“ oder auch mal Tischtennis gespielt. Ich hatte auch so ein tolles Telespiel vom Film Werner mit. Wer jetzt nicht weiß was das ist: Ein Telespiel war so ‘ne Art Vorläufer vom Gameboy und hatte eigentlich immer nur zwei Tasten. Aufgabe in dem Spiel war es Motorräder zu überholen und das Spiel wurde dabei langsam immer schneller. Jedenfalls war das Teil die Woche über ein heimlicher Star in unserem Zimmer.
Nachts haben wir immer mit Taschenlampen irgendwelchen Unfug gemacht und aus Witzbüchern vorgelesen. Ich habe so ein Geisteswerk letztens sogar wieder gefunden und mal daraus gelesen. Meine Herren! Wir waren damals noch sehr leicht zu erheitern. Ich weiß noch, dass Torsten immer als erstes einschlief und dann immer mit offenen Mund gepennt hatte. Da ich in dem Etagebett über ihm schlief, konnte ich dann ihm immer wie ein Zahnarzt in den Mund leuchten und die Stimmung erreichte dann prompt den Siedepunkt.
Nebenbei: Schmuddel-Patrick hieß so weil er irgendwie immer nach Rauch roch, irgendwie ungewaschen und wie eine vergessene Fensterpflanze aussah. Dazu eine große Bill-Gates Gedächtnisbrille. Der Kasper-Jan hieß so, weil er immer etwas vorlaut war und häufig in der Klasse alleine in der Mitte an den sogenannten Kaspertisch sitzen musste. Eigentlich war dieses aber dann keine Bestrafung, sondern eher eine Bühne für ihn, denn jetzt konnte ihn immer jeder sehen und hören was er gerade so machte (und er machte viel). Der sportliche Christian war wirklich ‘ne Granate in Sport. Keiner kam auch nur annähernd an seine Leistungen heran. Dafür schwächelte er leider in so ziemlich allen anderen Fächern. Der Torsten mit den Borsten ist nun wirklich keine Neuheit. Als er allerdings dann eines Tages aufgrund einer unfreiwilligen Läusebehausung in seinen Haaren mit einer Glatze in der Schule ankam, hatte er sich seinen Spitznamen automatisch vergoldet. Jedoch ist ja bekanntlich nicht alles ist Gold was glänzend ist. Glänzend war jedenfalls für die nächsten Tage sein Haupt. Und ich? Ich war wahrscheinlich der Typ, der vom Unterricht nichts mitbekommt, weil er sich mit anderen Sachen beschäftigt hat. Ich habe mich zu meiner Rechten mit Torsten unterhalten oder zu meiner Linken mit dem Kasper-Jan amüsiert, falls er dann mal wieder auf seinen ursprünglichen Platz wieder setzen durfte. Mich haben meine Zeichnungen oder Tagträumerein einfach mehr begeistern können als so was wie Mathematik oder das merkwürdige HSU (Heimat – und Sachkunde). In HSU haben wir dann so Sachen gelernt wie „Wie funktioniert eine Glühbirne?“ oder „Die Kreise in Schleswig-Holstein und ihre Kreisstädte“ (Vor allem der witzige Name Ratzeburg hat’s mir damals angetan) In Musik haben wir allen ernstes mal Tierlaute machen sollen und als dann eine Mitschülerin ein Lineal 3/4 über die Tischkante legte und dieses dann an der überstehenden Seite nach unten drückte und wieder los lies, wurde doch wirklich von meiner Klassenlehrerin behauptet, dass sich das wie eine Ente anhöre. Für mich klang es wie ein Lineal, dass auf eine Tischkante gelegt, gespannt und losgelassen wurde. Heute würde ich es als eine Art Zeichentrick-Erektions-Geräusch bezeichnen.
Zurück nach Sylt: Morgens wurden wir dann immer von einem super-krächzigen und viel zu lauten Lautsprecher geweckt. Es wurden dann immer irgendwelche mehr oder weniger aktuelle und bei Kindern beliebte Lieder aus dem Krächzteil gepresst und sollte uns so auf den lustigen Dauermarsch durch Sturm und Sand von Rantum nach Westerland motivieren. Am Frühstückstisch gab es dann belegte Graubrotscheiben oder übrig gebliebene Brötchen von den Tafeln oder einer anderen Wohlfahrtsorganisation. Für mich als damaliger Nutella-Freak gab es nicht wirklich guten Ersatz. Nur der Kakao konnte einigermaßen als eine Art Dip für mein Steinbrötchen herhalten. Ein wenig wie im Knast.
Dann war wieder Dauermarsch angesagt. Ich kann euch nur sagen, dass die 7,5 Kilometer als kleiner Pimpf mit Gummistiefeln am Strand die Hölle sind. Da sieht man Westerland schon vom weiten und es kommt auch nach Stunden irgendwie nicht näher. Als wir dann endlich da waren, wurden wir auch sofort mit einem Bus wieder ins „Heim“ gefahren. Dort wurden dann erstmal die Blasen an den Füßen aufgestochen. Auauau. Kein guter Tag.
Doch jeden Morgen Gequäke und Gedröhne aus dem verfluchten Lautsprecher. Immer die selben „Hits“. Einzig schön war es mal als dann ein einziges mal die Titelmelodie von Werner – Beinhart gespielt wurde. Geil,geil,geil. Ein Film, den wir eigentlich aufgrund unseres Alters nicht kannten, aber die Figur Werner um so mehr liebten. Frühstück – Zwangsarbeit – Abendessen – Quatsch machen. So vergingen die Tage wie in Zeitlupe. Ein Abend war besonders schrecklich, weil da sollten wir dann mal spontan ein Liedchen für die Lehrerin lernen und dann zusammen singen. „My bonnie is over the ocean“ ist wahrscheinlich der Titel, den ich wohl bist heute am meisten hasse. Vor allem weil keiner was mit dem Text anfangen konnte. Keiner von uns war damals wirklich dem englischen mächtig und so hat man dann frei übersetzt, dass da wohl eine Frau namens Bonnie auf einem Ozean ist und dass sie doch bitte wieder herkommen möge. *Sing Sang* Ich lag auf einem Pillo (Keine Ahnung was das sein sollte) Ich lag auf meinem Bett, ich lag dann wieder auf dem ominösen Pillo und träumte, das diese Bonnie tot wäre. *Sing Sang* Winde gingen über den Ozean und brachten mir dann die tote Bonnie zurück (angespült wahrscheinlich). Ein furchtbares Lied!
Bei einem unserer Märsche ging dann beinahe unser Christian und unser Torsten verloren. Wir besuchten gerade die ziemlich abseits gelegene Wanderdüne als beide plötzlich nicht mehr bei uns waren. Wir durften dann mit dem Aushilfslehrer weiter gehen, während die Olsche Peitschenlady alias meine Klassenlehrerin sich auf die Suche machen durfte.Hui. das war aufregend. Wenn die von der Düne verschluckt worden wären, dann hätte sie bestimmt ganz viel ärger bekommen und müsste bestimmt ins Gefängnis, allerdings war der Preis uns dann doch zu hoch und wir waren dann doch froh als 3 uns wohlbekannte Gestalten endlich wieder einholten.
Zusatzerinnerung: Während der Wartezeit habe ich mir an einem gammligen Kiosk bei einem gammligen Kioskverkäufer eine rosa Dose mit Hubbabubba Limo gekauft. die Dose war noch Jahrelang in meinem Besitz.
Doch auch jede Strafexpedition hat mal ein Ende und wir waren doch sehr froh nach einer langen Zugfahrt wieder in heimischen Gefilden zu sein. Das war eine Woche voller Strapazen, schlechter, lauter Musik und Erkenntnissen von Torstens Mundhöhle.
Epilog
Patrick habe ich nach der Grundschule eigentlich nie wieder gesehen und weiß bis heute nicht was er macht
Torsten ist mit mir zur realschule gegangen und war dann noch auf einer weiterführenden Schule. Mehr weiß ich nicht.
Kasper-Jan wurde damals mein bester Kumpel und wir sind dann auch zusammen zur realschule gegangen und haben noch lange Kontakt gehabt. Inzwischen hat er geheiratet.
Christian hat sich als Jugendlicher leider durch einen Unfall selbst erschossen. Sehr traurig.
Und ich bin nach der Realschule auf diversen Schulen und noch diverseren Arbeiten und Diensten nachgegangen. Mir geht’s soweit gut und momentan schreibe den Abschluss dieser Geschichte.
Ende Teil I von V
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